(ML) Bei der Gemeinderatssitzung vom 17. März wurde nicht nur engagiert über die Zukunft des Tourismus diskutiert (siehe dazu den eigenen Bericht), es kam auch ein weiteres heißes Brixner Eisen auf den Tisch: Wo soll die neu zu errichtende Stadtbibliothek hinkommen?
In Brixen hat die öffentliche Debatte um den Standort für die neue Bibliothek in den letzten Monaten stark an Dynamik gewonnen, auch nachdem die Grüne Bürgerliste/Alternativa Ecosociale bei der Haushaltsdebatte und im Rahmen eigener Abendveranstaltungen immer wieder auf die unhaltbare Situation in der stark besuchten Stadtbibliothek am Domplatz hingewiesen hat. Der heutige Standort ist mehr oder weniger seit 25 Jahren ein Provisorium und es ist ein starkes Signal von Seiten der Bevölkerung, dass trotz der katastrophalen räumlichen Situation eine derart intensive Nutzung erfolgt: mit rund 500 Besuchern am Tag ist die Bibliothek in Brixen unter den bestbesuchte Bibliotheken des Landes.

Die von den Architekten Martin Mutschlechner und Barbara Lanz im Auftrag der Gemeinde geprüften Standorte für die neue Bibliothek
Die politische Mehrheit scheint den Ernst der Lage und den Unmut der Bevölkerung erkannt zu haben und hat das Studio Mutschlechner & Lanz beauftragt, die in Frag kommenden Standorte zu untersuchen. Neben einem Neubau im Prielgrund wurde geprüft, welche Möglichkeiten der Erweiterung der aktuelle Sitz bieten könnte, ob die Bibliothek im gemeindeeigenen Haus an der Ecke Runggadgasse-Widmannbrückengasse (Leo Waisenhaus) untergebracht werden könnte und ob das zur Zeit noch als Gerichtsgebäude genutzte große Haus am Domplatz – evtl. in Verbindung mit dem zur Zeit geschlossenen Bezirksgefängnis – als Sitz der Bibliothek geeignet sein könnte.
In den Wochen vor der Gemeinderatssitzung hatte sich zudem rund um die Brixner Architekten Karl Kerschbaumer und Harald Pichler eine Gruppe von 27 Architekten dafür ausgesprochen, die leer stehende ehemalige Finanzerkaserne am Domplatz umzubauen und durch einen Neubau im südlich an das Gebäude angrenzende Areal zu ergänzen. Vom ursprünglich angedachten Abriss der Finanzerkaserne wurde nach entsprechenden Vetos von Seiten des Denkmalamtes Abstand genommen.
In den Wochen vor der Gemeinderatssitzung war auch innerhalb der politischen Mehrheit eine engagiert geführte Grundsatzdiskussion darüber ausgebrochen, ob die beste Lösung darin bestünde, am Priel-Areal (Acquarena) einen Neubau zu errichten oder ob es nicht Ziel führender sei, einen Standort in der Altstadt auszuwählen.

Möglicher Lageplan für den Bibliotheksneubau am Prielgrund (rot) – auf diese Weise kann der Bau unabhängig von der am Prielareal vorgesehenen Tiefgarage errichtet werden.
Der Standort in der Altstadt – und dort möglichst am Domplatz – war vor allem von den Vertretern der Wirtschaft favorisiert worden, die durch die Verlegung der Bibliothek an einen Standort außerhalb der Altstadt befürchten, dass die Attraktivität der Altstadt, deren Belebung und die Frequenzen in den einzelhandelsstarken Altstadtgassen abnehmen würde. Dieser Position hat sich auch die Architektengruppe angeschlossen, die vor allem die Standortqualität für eine Kultureinrichtung in der Altstadt besser gewahrt sehen und die auch die Möglichkeit erkennen, auch im unmittelbaren Altstadtbereich mit einem kraftvollen und zentralen Neubau ein Zeichen des 21. Jahrhunderts in den historischen Kontext einzubringen.

Umsetzungsidee von Mutschlechner/Lanz (Studie) für den Bibliotheksbau am Priel-Areal
Auch in der Grünen Bürgerliste/Alternativa Ecosociale gingen und gehen die Meinungen auseinander. Elda Letrari, Gregor Beikircher und auch Hans Heiss fordern vehement die Unterstützung des Neubaus, während der Schreiber dieser Zeilen und Klauspeter Dissinger für eine Lösung in der Altstadt plädieren. Alle eint aber die Maxime, dass es in erster Linie ein Zeitfrage ist und dass nur jene Lösungen von der Bürgerliste unterstützt werden, die innerhalb von rund zwei Jahren baureif gemacht werden können.
Bei der Gemeinderatssitzung erläuterten die Architekten Mutschlechner und Lanz auf gewohnt professionelle und bestens illustrierte Weise die Herausforderungen, Eigenheiten und Potenziale der geprüften und oben angeführten Standorte und erklärten schlossen schließlich die Standorte Runggadgasse (Denkmalschutz, Lichteinfall, Verkehrslage), aktueller Sitz (Flächenverfügbarkeit, Einfügung neuer Kubatur) und Gerichtsgebäude (Raumstruktur) als nicht machbar aus.
Eine Prüfung der Variante, die von der Architektengruppe vorgeschlagen wurde, konnte nicht durchgeführt werden, weil die Gruppe nach einem Lokalaugenschein mit Frau Waltraud Kofler Engl vom Denkmalschutz einen Variantenvorschlag auf den Weg gebracht hatte, der er erst unmittelbar vor der Gemeinderatssitzung vorgelegt wurde.

Die Architektengruppe rund um Karl Kerschbaumer und Harald Pichler schlägt einen Neubau südlich von der Ex-Finanzerkaserne vor – ungefähr dort, wo heute der „Weltladen“ tätig ist
Um diese Variante vorzustellen wurde schließlich der im Besucherraum anwesende Architekt Karl Kerschbaumer gebeten, den Vorschlag der Architektengruppe vorzustellen. Dieser besteht nun im wesentlichen darin, die Durchgängigkeit zur neuen Struktur durch die Finanzerkaserne zu gewährleisten und in etwa dort, wo heute der „Weltladen“ untergebracht ist, einen vierstöckigen Neubau zu errichten.

Karl Kerschbaumer stellt im Gemeinderat den Vorschlag der Brixner Architektengruppe vor. Links Architektin Barbara Lanz, rechts Architekt Martin Mutschlechner
Hermine Larcher sprach sich im Namen des Bibliotheksrates vehement für den Standort Priel-Areal aus. Links im Bild Stadtrat Peter Brunner
Im Zuge der Gemeinderatssitzung wurde auch die Vorsitzende des Bibliotheksbeirates, Frau Hermine Larcher, angehört, die sich vehement für einen Neubau auf dem Prielareal aussprach und die im Vorschlag zur Unterbringung der Bibliothek in der Altstadt eine Verzögerungstaktik vermutete, die sie heftig kritisierte.
In der anschließenden Debatte gingen die Argumente hin und her und es war sofort erkennbar, dass die politische Mehrheit in ihren Reihen keinen einheitlichen Standpunkt zur Unterbringung der Bibliothek herbeiführen konnte. Schließlich brachte der Bürgermeister einen Tagesordnungsantrag ein, der vorschlug, die Voraussetzungen für einen Bau am Prielgrund in Angriff zu nehmen und den Durchführungsplan in Auftrag zu geben und gleichzeitig zu untersuchen, ob die von der Architektengruppe forcierte Lösung baureif gemacht werden kann. In sechs Monaten soll eine entsprechende Studie vorliegen und dann soll eine definitive Entscheidung fallen.
Die anwesenden Experten gehen von einer Realisierungszeit von rund fünf Jahren aus, wenn die Finanzierung zeitgerecht sicher gestellt werden kann.
Der Tagesordnungsantrag des Bürgermeisters wurde schließlich mit dem Verfahren des Namensrufes zur Abstimmung gebracht und einstimmig angenommen.
Anhang: Schreiben der Architektengruppe, in dem der Vorschlag zum Neubau der Bibliothek südlich der Ex-Finanzerkaserne begründet wird:











